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Kommt die Rundfunkgebühr Nummer 4? (3/6)

Zuschauer zahlen Strafe für falsches Geschäftsmodell

Mit so einer vierten Rundfunkgebühr wird letztlich der Zuschauer bestraft, weil das Geschäftsmodell des Privatfernsehens nicht funktioniert: Die Privatveranstalter sind von den Werbeeinnahmen abhängig, die nur in der Konjunktur reichlich fliessen, nicht aber in der gegenwärtigen anhaltenden Wirtschaftsflaute. Ausserdem wollen die Programmanbieter nicht mehr wie bisher die Kabelbetreiber dafür bezahlen, dass ihre Programme verbreitet werden. Vielmehr wollen sie, wie anderswo in der Welt, dafür bezahlt werden, dass andere (die Netzbetreiber) damit Geld verdienen. Und die Kabelfirmen können diese Kosten auf die Zuschauer abwälzen und nebenbei mit der digitalen Technik und dem über die Ausgabe von Smartcards reglementierten Zugang den Schwarzsehern das Fernsehen abdrehen. Auch das Aufzeichnen von Sendungen kann verhindert oder zumindest reglementiert werden.

Übrigens: Dass die Kabelfirmen auf die bisherige Basisgebühr verzichten, wenn die analogen Programme ganz abgeschaltet werden, glaubt ja auch keiner. Denn auf den frei werdenden Kanälen kann man soviel neue digitale Programme senden und verkaufen ...
TV-Werbung
„Das Werbegeld fließt nicht mehr so wie früher und wird es auch nie mehr. Alle Welt ruft nach neuen Geschäftsmodellen zur Refinanzierung der Programme.“

Jürgen Doetz, VPRT. Quelle: Medientage München Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rund-funk und Telekommuni-kation (VPRT) am 23.11.2005 in der „Frankfurter Rundschau“.


In der Konsequenz werden die Kabelanbieter dann Programmpakete gegen Monatsgebühr anbieten, in denen sicher auch die bisherigen werbefinanzierten privaten „Free-TV“-Programme enthalten sind. Da schließt sich dann der Kreis ...

Warum die Sender aus dem Schlüssel Geld machen wollen

„Es geht darum, den Fernsehkonsumenten über die Verschlüsselung adressierbar zu machen“, erklärte der Deutschlandchef der Senderfamilie NBC Universal (SciFi, 13th Street, History Channel, Das Vierte), Wolfram Winter, freimütig gegenüber dem Handelsblatt (9.8.2006). Die Verschlüsselung bringt den Sendern und den Netzbetreibern neue Geschäftsmöglichkeiten: Die Kundendaten können beispielsweise für Werbekampagnen,und nicht nur in eigener Sache, benutzt werden. Geworben werden kann
für neue Programme, zum Beispiel die Pay-Programme der beiden großen Senderfamilien und anderer Anbieter
für das Zeug, das die Zuschauer-„Clubs“ der Privatprogramme anbieten und das mit Fernsehen überhaupt nichts zu tun hat.
mittels neuer Werbeformen: Ab 2008 will z.B. Pro7Sat regionale Werbung einführen. Diese Spots können bis kurz vor der Sendung vom Auftraggeber á la Baukastensystem aus einzelnen Teilen zusammengestellt werden. Ab 2010 sollen Werbespots gar für jeden Zuschauer individuell ausgesendet werden können. Das kündigte die Vermarktungstochter des Konzerns, SevenOneMedia, im Juli 2006 an. „Im Pay-TV können Werbekampagnen sehr fokussiert in spitze Zielgruppen verlängert werden“, heisst es dazu eindeutig.

Das, insbesondere der letzte Punkt, funktioniert nur, wenn der Zuschauer direkt ansprechbar ist. Und das geht nur mit einem Zugangssystem á la Premiere.

Einstieg der Privaten in den Milliardenmarkt Pay-TV

3,50 Euro will Astra den Zuschauern von RTL und MTV ab Mitte 2007 monatlich aus der Tasche ziehen. Das mögen für den einzelnen TV-Haushalt „Peanuts“ sein. So. Und jetzt machen Sie mir das Vergnügen und rechnen Sie mit: Laut Astra gab es in Deutschland Ende 2005 etwa 16,4 Millionen Satellitenhaushalte. Eine Aktionärsinformation von Astra geht ins Detail. Für 2007/2008 wird damit gerechnet, dass 20 Prozent der deutschen Satellitenhaushalte in Grundverschlüsselung-Netz gehen. Sie sollen eine einmalige Registrierungsgebühr von 10 bis 15 Euro zahlen und so um 33 Millionen Euro in die Kassen von Astra spülen. Die Monatsgebühr soll bei 3,50 Euro liegen, das ergibt der Astra Rechenweise folgend einen zusätzlichen Jahresumsatz von 138 Millionen Euro. Etwa 2012, nach dem Ende der analogen Übertragung, sollen bis zu 90 Prozent der dann 17 Millionen Sat-Haushalte die Privatprogramme grundverschlüsselt empfangen. Das ergibt einen Jahresumsatz von etwa 640 Millionen Euro. Netterweise teilt Astra seinen Finanziers auch die Kosten mit: 2007 und 2008 wird aufgrund der Investitionen mit Verlusten um jährlich maximal 55 Millionen Euro gerechnet.

Die Summen, um die es schlußendlich bei der Grundverschlüsselung geht, machen einmal mehr deutlich: Schon in der bis 2012 angesetzten Einführungsphase wechseln Milliardenbeträge den Besitzer. „Peanuts“ - das ist etwas anderes.

Da wird weit mehr als nur die Übertragungskosten auf den Zuschauer abgewälzt. Digitales Fernsehen soll, soweit es die großen privaten Programmfamilien betrifft, zum Bezahlfernsehen werden.

Ein zweites Rechenexempel: Die KDG, größter Kabelnetzbetreiber in Deutschland, hat 10 Millionen Kunden. Bis auf 400.000, die bereits Digitalpakete der KDG beziehen, zahlt jeder Kundenhaushalt bis spätestens 2010 15 Euro „Freischaltgebühr“ für RTL etc. Auch da kommt ganz schön was zusammen. Mal ganz abgesehen davon, dass nach einer „Anstandsfrist“ sicher auch eine Monatsgebühr kommen wird.

Rechnen Sie bitte nochmals: Wir haben in Deutschland Mitte 2006 knapp 35 Millionen TV-Haushalte. Wird man gezwungen, die (im Frühjahr 2006 für möglich gehaltene) Monatsgebühr von 3 Euro - für die digitalen Privatprogramme zu zahlen, kann da mehr als eine Milliarde Euro im Jahr zusammen kommen. Diese Riesensumme teilen sich im Wesentlichen die Programmkonzerne wie Pro7Sat1 und RTL mit den Betreibern der Kabel-, Satelliten- und Antennennetze.

Obendrein: Finanzierung aus Digitalisierungsfonds gefordert

Und dann besitzen die Kabel- und Sat-Betreiber noch die Unverschämtheit, die Einrichtung eines „Digitalisierungsfonds“ - also eine öffentliche Förderung - zu fordern. Ganz offenkundig soll der dazu benutzt werden, die technische Infrastruktur für eine „Grundverschlüsselung“ zu bezahlen. Damit bezahlt hinten herum wieder der Zuschauer das unternehmerische Risiko der Versorger und Programmveranstalter.

Update Mitte 2012: Grundsätzliches Umdenken zeichnet sich ab

Auf die Bekanntgabe der Kabelbetreiber UnityMedia und KabelBW,ab 29013 auf die bisherige Grundverschlüsselung privater Programme in Standardauflösung zu verzichten, reagierten die Landesmedienanstalten. „Die Hoffnungen, die Adressierbarkeit in SD werde zur Finanzierung neuer Programmveranstalter und -inhalte beitragen, haben sich nicht erfüllt. Im Gegenteil haben private Veranstalter wegen der zunehmenden Verbreitung von Fernsehgeräten mit integriertem digitalem Empfang wachsende Nachteile gegenüber den öffentlich-rechtlichen Programmen, die unverschlüsselt auch in HD Qualität verbreitet werden und damit eine höhere Reichweite erzielen können“, schätzte die ZAK-Kommission ein. Eine Grundverschlüsselung blockiere den Digitalumstieg im Kabel, der zu dem Zeitpunkt letzten TV-Plattform mit analoger Übertragung.

Entsprechend positionierten sich Verbände der Mieter und Hauseigentümer sowie die Verbraucherzentrale Bundesverband. Gerd Billen (Verbraucherzentrale) nennt die Grundverschlüsselung „moderne Wegelagerei“. Es sei „dreist, frei empfangbare TV-Programme erst zu verschlüsseln, um dann für die Entschlüsselung Geld zu verlangen“. Gerd Siebenkotten (Mieterbund) fordert die Aufgabe der Grundverschlüsselung „auch für Formate in HDTV“.

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