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Digitalradio: Keine Angst vor dem UKW-Ausstieg

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Die Argumente, mit denen die meisten Privatradios einen UKW-Asstieg auf den St.Nimmerleinstag vertagen wollen und die damit den Digitaltrend der Terrestrik bremsen sind hinlänglich bekannt. Der Wettbewerb der Radiostationen scheint inzwischen so scharf, dass einige die teure Doppelverbreitung in beiden Systemen in Kauf nehmen, um bloß keinen Hörer auszulassen. Nicht mehr nur Deutschlandradio setzt dagegen erste Zeichen in Richtung UKW-Abschaltung.

Das bedingungslose Bekenntnis vieler Privatradios zu UKW - trotz des wirtschaftlichen Nachteils der im Vergleich mit DAB+ teureren Versorgung - teilt Klassikradio nicht in der Schärfe. Der private Spartensender aus dem ersten DAB+-Bundesmux gab als erstes Radio UKW-Ressourcen zurück - und zwar schon 2015 in Hessen und Mecklenburg-Vorpommern. „Unsere Hörer haben überall dort auf DAB+ umgestellt, wo wir UKW-Frequenzen zurückgegeben haben. In diesen Regionen haben wir nicht an Reichweiten verloren“, bilanzierte Geschäftsführer Ulrich Kubak im Jahr 2017. Man werde daher weitere 15 UKW-Frequenzen in Schleswig-Holstein und Hessen zurückgeben. Der Vorteil ist greifbar: Jährliche Einsparungen von rund 1 Mio. Euro könnten in Innovationen oder ins Programm investiert werden. Ein Jahr darauf bilanziert Kubak: „Insbesondere nachdem wir als erster Sender Deutschlands die Digitalisierung gestartet und konsequent verfolgt haben, 30 UKW-Frequenzen abgeschaltet haben, ist das nun der größte Beweis für die Digitalisierung von Radio in Deutschland“.

Für Klassikradio - wie für alle anderen Stationen, privat oder öffentlich-rechtlich, gilt freilich das Prinzip: UKW-Frequenzen werden in Ballungsräumen nicht (oder erst zuletzt) aufgegeben.

D-Radio als öffentlich-rechtlicher Wegbereiter

Deutschlandradio wurde, mehr oder minder freiwillig, zum Pionier beim UKW-Ausstieg. Nachdem die KEF ankündigte, Kosten der Radioverbreitung ab 2029 nur noch in Höhe der Erfordernisse für DAB+ zu genehmigen, scheint für die aus dem Rundfunkbeitrag finanzierte Senderfamilie der Weg vorgezeichnet. Intendant Raue setzt 2020 auch auf die Strategie mit „DAB+ als robustes Rückgrat der Verbreitung und Webradio mit non-linearen Inhalten als Ergänzung“. D-Radio werde weiterhin „regional auf digitalen Radioempfang umstellen, wo UKW unwirtschaftlich ist“.

Dazu trägt die nachhaltige Energiebilanz bei: Mit DAB+ sendet man „um rund ein Drittel wirtschaftlicher als über UKW“, heißt es beim Deutschlandradio. Ein UKW-Totalverzicht würde der Senderfamilie (und der Gesamtheit der Beitragszahler) bis zu 10 Mio. Euro pro Jahr ersparen. Das ist angesichts des Gesamtbudget von rund 260 Mio. Euro nicht eben wenig.

Wesentlich ist natürlich auch, dass Deutschlandradio über UKW nicht mehr als 70 Prozent versorgen kann. Bei Deutschlandradio Kultur sind es gar nur 52 Prozent der Bevölkerung. Die Programmfamilie hat aber eine nationale Aufgabe - und die ist rundfunkmässig nur mit dem DAB+-Bundesmux zu verwirklichen. „Im Gegensatz zum ohnehin noch immer unzulänglichen Mobilfunknetz und zum Internetzugang zuhause sind mit DAB+ keine zusätzlichen Empfangskosten verbunden.“

Mit diesem langsamen Prozeß, der Deutschlandradio stärker als das ohnehin schlechter ausgestattete Deutschlandradio Kultur betrifft, wurde 2018 begonnen. Bis Ende 2021 verzichtete D-Radio auf rund 15 UKW-Füllsender. Das geschah zum Teil kurz nach Aufschaltungen des Bundesmux 1 vor Ort. In einigen Fällen war das schon vorher geschehen bzw. die Programme auf anderen UKW-Frequenzen zu empfangen.

Dass auch andere Private aufs Geld schauen, zeigt ein noch anders gelagertes Beispiel. „Aus wirtschaftlichen Gründen“ verzichteten Radio Oberland, Antenne Bayern und der BR mit Bayern1, Bayern2, Bayern3, BR-Klassik und B5 aktuell im Juni 2021 auf den bis dahin gemeinsam genutzten UKW-Füllsender Mittenwald. Die Hörer könnte ihre Stationen „weiterhin glasklar über DAB+ und in den meisten Haushalten auch über UKW“ empfangen, so die Medienanstalt BLM.

Politische Grundsatzentscheidung oder den Dingen ihren Lauf lassen?

Wie könnte es weiter gehen? In schlechter Erinnerung ist der gescheiterte Versuch, die Entwicklung von UKW in Richtung DAB+ in eine „Roadmap“ zu fassen. Kaum war ein Papier fertiggestellt, traten daran beteiligte Radioverbände kräftig dagegen. Ihr lautestes Argument: „Das kann überhaupt nur der Markt richten!“ Der Markt hat sich tatsächlich entwickelt - und der Trend auf UKW weist nach unten. Mitte 2021 hat rund jeder dritte deutsche Haushalt Zugang zu einem DAB+-Empfänger und die Entwicklung verdichtet sich weiter.

Aus Sicht des Deutschlandradio-Intendanten sollten „alle Beteiligte an einem Strang ziehen“. Raue weiter: „Die Dynamik, mit der sich DAB+ inzwischen überregional entwickelt, (sollte) auch in jenen Ländern greifen, die bisher Nachholbedarf hatten.“ Nun muss „die Politik (...) Voraussetzungen schaffen, die allen Beteiligten Planungssicherheit und Handlungsspielräume ermöglicht, zum Beispiel bei Fragen nach einer Infrastrukturförderung oder dem Umgang mit ungenutzten UKW-Frequenzen.“

Der Berater Helmut G. Bauer geht jedoch davon aus, dass UKW binnen zehn Jahren von selbst abwirtschaftet - ganz ohne gesetzliche Vorgabe. Er argumentiert: „Die Radionutzung wird über DAB+ und im Internet stattfinden. Das Handy ist dazu eine Ergänzung, wenn es ein Geschäftsmodell des Mobilfunks gibt und die Kosten für den Datenverbrauch niedrig sind.“ Gleichwohl bleibe die Nachfrage nach UKW-Frequenzen groß - aber nicht für den Hörfunk, sondern z.B. „von Organisationen mit Sicherheitsaufgaben wie den Rettungsdiensten und dem Technischen Hilfswerk“.

Nicht nur vor diesem Hintergrund wird schon länger gefordert, aufgegebene UKW-Frequenzen quasi aus dem Radio-Verkehr zu ziehen nicht wieder für Hörfunk zu vergeben.

Warum sollen Andere mutig sein?

Signale kommen zumindest aus Rheinland-Pfalz. Heike Raab (Staatssekretärin Rheinland-Pfalz und Vorsitzende der Rundfunkkommission der Bundesländer) will die „Empfangbarkeit von DAB+ für alle ermöglichen und gleichzeitig einen allgemein akzeptierten Übergang von UKW zu DAB+ für die Veranstalter schaffen“.

Dorothee Bär (CSU) hat als Digital-Staatsministerin im letzten Kabinett Merkel die Gelegenheit verstreichen lassen, die Entwicklung des Rundfunks durch den Bund „im Rahmen seiner Verantwortung für die Frequenzpolitik“ zu beeinflussen. Ihr Wunsch nach „mehr Mut und vor allem mehr Optimismus in Bezug auf die Programme bzw. die Marktchancen“ scheint angesichts der Leistungen des Bundes in den vorangegangenen zehn Jahren eher rhetorisch.

Wie immer in der Medienpolitik liegt der Ball weiterhin sowohl beim Bund (neue Regierungskoalition!) als auch bei den Bundesländern - wegen der verfassungsrechtlichen Arbeitsteilung zwischen Bund und Ländern.

Im Herbst 2021 bleibt nur abzuwarten, welche Koalition sich im Bund etabliert und was die künftige Bundesregierung zur Rundfunkpolitik beitragen will. Mut und Initiative würden der Digitalstrategie der künftigen Bundesregierung gut anstehen.

Things to come ...

Liste der aufgegebenen UKW-Senderstandorte

2.11.2018 : Helgoland (Schleswig-Holstein), Herzogstand (Bayern)
30.6.2018 : Kempten (Bayern)
8.2018 : Klassikradio gibt seit 2015 rund 30 UKW-Frequenzen zurück
30.9.2018 : Füssen (Bayern)
30.6.2020 : Landshut (Bayern), Boppard (Rheinland-Pfalz)
30.6.2021 : Burgbernheim, Hohenpeißenberg, Starnberg (Bayern), Oberursel (Hessen)
30.6.2021 : Mittenwald (Bayern) - 4 BR- und 3 private Radioprogramme
31.10.2021 : Esslingen, Göppingen, Kirchheim, Geislingen (Baden-Württemberg)

Hinweis : Soweit nicht anders genannt handelt es sich um Deutschlandradio und/oder um Deutschlandradio Kultur.

Weitere Informationen:
Hier werden allgemeine Meldungen gelistet. Links zu Infos über Ausschreibungen, Aufschaltungen usw. finden sich auf den Senderseiten.
D-Radio verzichtet auf 4 weitere UKW-Standorte vom 8.10.2021.
8 neue Standorte für den Bundesmux 1 vom 30.8.2021.
Übergang von UKW zu DAB+ schaffen vom 2.8.2021.
UKW-Aus binnen 10 Jahren - auch ohne Gesetz vom 21.7.2021.
Abschaltungen von UKW-Standorten am 30.6. vom 28.6.2021.
DAB+ überzeugt, wenn die Nutzung gegeben ist vom 7.9.2020.
D-Radio setzt Ausstieg aus UKW fort vom 17.6.2020.
D-Radio verläßt UKW / 5C-Termin für Füssen vom 25.6.2019.
D-Radio - Erste Abschaltungen am 2. November vom 29.10.2018.
Auch Klassik Radio digital erfolgreich vom 30.3.2018.
UKW-Ausstieg schadet Klassikradio nicht vom 20.10.2017.



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Diese Seite wurde zuletzt am 14.10.2021 geändert.
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