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Digitalradio: Regional, lokal - was geht (nicht)? (2/3)

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Während in anderen Bundesländern (eher im Sinne der UKW-Besetzer) Stillschweigen herrscht, läutet Bayern die Revolution im Radiobusiness ein. Der Freistaat will das erste Bundesland werden, wo das gesamte Programmangebot auf UKW und DAB+ zu empfangen ist. Das ist ein großer Schritt in Richtung der Ersetzung des analogen UKW-Hörfunks durch das digitale Radio.

Als sich Mitte der 1980er Jahre der private Rundfunk zu etablieren begann, ebnete der Freistaat Bayern dem Lokalfunk den Weg. Mehr als 30 Jahre später ist eine starke Lokalradio-Landschaft entstanden. Die Medienanstalt BLM unterstützt sie bei der Digitalisierung und will bis 2018 alle Privatprogramme auf DAB+ und UKW parallel anbieten.

Starke Lokalradioszene mit langer Tradition

Schon 1998 sollen 3/4 der damals 56 Lokalradios schwarze Zahlen geschrieben haben. Seit 1992 liefert die Dienstleistungsgesellschaft für Bayerische Lokal-Radioprogramme (BLR) ein Mantelprogramm mit Nachrichten, Musik und natürlich Werbung an 39 Radiostationen. Gesellschafter der BLR sind ein Konsortium der bayerischen Zeitungsverleger (36 Prozent), die Nürnberger Mediengruppe Oschmann und die Burda-Gruppe (Studio Gong) mit je 32 Prozent.

Bayern gehörte zu den Bundesländern, die DAB schon in der alten Technikvariante stark unterstützten. 1999 wurden 15 Programme lizenziert; Rock Antenne, Radio Fantasy, Vil Radio, Radio IQ und Radio IN gingen als erste Lokalstationen digital auf Sendung. Frühzeitig wurden vier lokale Versorgungsgebiete in und um München, Augsburg, Ingolstadt und Nürnberg festgelegt. Spätestens mit dem Umstieg auf DAB+ ab August 2011 - parallel zum Ausbau des ersten Bundesmuxes in DAB+ - bekamen auch die Lokalen neue Attraktivität.

Die Funkanalyse Bayern 2012 stellt fest: „Digitalradio erreicht täglich rund 200.000 Hörer in Bayern“. 2016 waren dort rund 50 Stationen auf Sendung. Ebenfalls 2016 hat Bayern mit 15 Prozent die zweitbeste Haushaltsausstattung der Bundesländer mit Digitalradios aufzuweisen. Dazu kommt die deutschlandweit (mit Baden-Württemberg) höchste Nutzung: In beiden Bundesländern entfällt jede vierte der täglich 248 Minuten Radionutzung auf DAB+.

Kopplung von UKW-Zulassung und DAB-Einstieg funktionierte zunächst nicht

U.a. wurde über eine längere Zeit hinweg UKW-Lizenzen mit der Verpflichtung zum Einstieg bei DAB+ gekoppelt. Im Oktober 2012 hatte der Medienradio vierjährige UKW-Lizenzen an eine ganze reige von Lokalprogramme vergeben. Das wurde mit einer Verlängerung um weitere vier Jahre verbunden, „wenn sie zukünftig mit Genehmigung der Landeszentrale ihr Programm auch im DAB-Standard ... verbreiten“.

So hatte die BLM gegenüber Radio8 und Galaxy Franken für West-Mittelfranken einen Sendestart über DAB+ „spätestens ab 1.1.2015“ angekündigt. Ohne Termin wurden folgenden Programmen in Niederbayern Verlängerungen mit DAB+-Einstieg zugesagt: unserRadio Deggendorf und Passau, Radio Galaxy Passau und Landshut, Radio Trausnitz und Radio AWN Straubing. Eine weitere Zusage ging zeitgleich für Radio Alpenwelle in das Oberland. Im Dezember 2013 gab man gegenüber Radio Galaxy Hof, ExtraRadio und Radio Euroherz solche Erklärungen ab und nannte sogar Ende 2015 für einen Sendestart.

Diese Bindung an regionale Verbreitungsgebiete funktionierte jedoch nicht. Offenkundig war mit den wenigen eingeladenen Lokalradios ein wirtschaftlicher Betrieb der Sendetechnik unmöglich. Für die genannten Radios bzw. Regionen konnten daher keine Sendenetze aufgebaut werden. Formal gesehen steht über den Lokalradios die - letztlich von ihnen nicht zu verantwortende - Drohung, ihre UKW-Sendelizenzen nicht verlängert zu bekommen.

Ab 2017: Private in neuen regionalisierten Multiplexen des BR

In Anbetracht der o.g. Zulassungszeiträume kommt ein 2016 von der BLM vorgelegtes gänzlich neues Konzept den Interessen der lokal ausgerichteten Privatradios entgegen. Ausgehend von ähnlichen Versorgungsplanungen vereinbarten die BLM und der Bayerische Rundfunk Ende 2016 eine Kooperation: Der BR vermietet freie Kapazitäten seines landesweiten und seiner ab Ende 2015 aufgebauten regionalen Multiplexe an die BLM Techniktochter BMT. Bayern Digital Radio (BDR) liefert die privaten Programme als „Vormultiplex“ zu. Das wurde für acht Jahre vereinbart.

Diese Kooperation sichere den Privaten „eine ideale Netzqualität zu einem vertretbaren Preis“. Der BR werde eine „eine Leistung anbieten können, die sich private Anbieter in den nächsten Jahren selbst nie hätten leisten können“, heißt es bei der BLM. Als Preis nennt die BLM im Mai 2017 monatlich 18.144 Euro (netto) für eine landesweite Kapazität in den fünf Regionalnetzen des BR. Die Betriebskosten für den Unterfranken-Mux werden mit monatlich 2.268 Euro (netto) angegeben.

Der BR hatte ab Dezember 2015 DAB+-Senderketten für Ober-, Mittel- und Unterfranken mit den BR1-Regionalisierungen für Mainfranken und Mittel- und Oberfranken sowie mit BR2 Nord in Betrieb genommen. Bis Ende August 2017 gingen neue BDR-Multiplexe für die Regionen Oberpfalz-Niederbayern (K 12D) und Oberbayern-Schwaben (K 10A) mit den passenden Regionalisierungen für BR1 und BR2 Süd auf Sendung. Dieses Versorgungskonzept setzt auf eine landesweite Abdeckung auf. Diese ersetzt zum Einen den bisherigen landesweiten Multiplex im Kanal 10D. Zum anderen gibt es ausreichende Kapazitäten für landesweite und lokale Privatradios.

Während Antenne Bayern in den landesweiten BR-Mux wechselte, nutzten zunächst dis bisher im Kanal 10D sendenden Programme Absolut Hot, Kultradio, Rockantantenne sowie Galaxy (mit regionalen Varianten statt der landesweiten) sowie das nachträglich zugelassene EgoFM die Regional-Muxe. Dazu kommen bis zu zehn Lokalradios je Sendegebiet.

Die BLM gab die Reichweite der im Mai 2017 aktiven fünf regionalen Netze mit 95 Prozent der Bevölkerung bzw. 92 Prozent der Fläche des Freistaates an. Von Anfang an stehen dafür 45, bis Ende 2017 48, Sendeanlagen zur Verfügung. Im Endausbau, der 2018 erreicht werden soll, werden 90 Prozent der Bevölkerung inhouse, 95 Prozent der Bevölkerung portable outdoor und 95 Prozent der Straßen versorgt. Das entspricht letztlich einer landesweiten Abdeckung.

2018: Weiterer Ausbau der Regionalnetze

Mitte 2018 soll der Regionalmux Oberpfalz-Niederbayern in zwei Netze geteilit werden. Zu den acht landesweiten Programmen sollen dann je sechs lokale Radios hinzukommen. Für Oberbayern-Schwaben scheint es hingegen keinen Bedarf für weitere Lokalradios zu geben. Sie sind bereits in den Stadt-Multiplexen für München und Augsburg etabliert.

Zum 1. November 2018 will Bayern Digitalradio zwei neue Regionalnetze im Süden des Freistaats in Betrieb nehmen. Sie versorgen die Sendegebiete Allgäu und Oberland-Südostbayern mit den acht landesweiten und weiteren lokalen Programmen.

Attraktives Fördermodell lockt die Privaten

Das Regionalisierungsmodell beruht auf dem BLM-Konzept Hörfunk 2020. Im Vorfeld hatte die BLM frühzeitig den Lokalradios Euroherz, Extra Radio und Galaxy Hof unbürokratische Sendegenehmigungen für Franken angeboten. Im Februar 2017 setzte die BLM den nächsten Stein: Allen fränkischen UKW-Radios wurden ab Mitte 2017 Plätze in den regionalen DAB+-Multiplexen des BR angeboten. Radios aus dem landesweiten DAB+-Privatmux bekommen weitere Plätze. Freie Kapazitäten wurden im Mai 2017 ausgeschrieben.

In der Konsequenz wird die bestehende landesweiten Senderkette der Privatradios (Kanal 10D) aufgegeben. Diese war mit nur fünf Programme wohl kaum wirtschaftlich zu betreiben. Von dort wechselt Antenne Bayern ab dem 1.7.2017 in den landesweiten BR-Mux. Das überregionale Programm von Galaxy wird eingestellt. Dessen regionale Ableger sind dann ebenso wie Absolut Hot, Rockantenne und Kultradio in allen Regional-Muxen des BR zu hören. Dazu kommen noch insgesamt 14 lokale Privatradios, deren UKW-Verlängerung die BLM schon 2012 mit einem Einstieg bei DAB+ gekoppelt hatte.

Nach dem Informationsstand Mai 2017 gibt es keine Änderungen in den vier „alten“ privaten lokalen DAB+-Inseln. Unklar ist aber, ob die früher von der BLM genannten Erweiterungen der München (Schöngeising), Nürnberg (Büttelberg) und Augsburg (Hühnerberg) durchgeführt werden.

Ab 2018: Alle UKW-Stationen Bayerns im Simulcast auf DAB+?

Der Privatfunkverband VPRT hatte kurz nach dem „Digitalradio-Board“ der Bundesregierung und ersten Infos über die dort erarbeitete Roadmap einen Runden Tisch - quasi komplette Neuverhandlungen zum Übergang von analogem auf digitales Radio - gefordert. In Bayern sieht man den Redebedarf in einer anderen Richtung: Jetzt wolle man „Zug um Zug in den Regierungsbezirken Bayerns die privaten Anbieter einladen, sich an der DAB-Verbreitung zu beteiligen.“ Dies schließe neue Programme „im begrenzten Umfang“ ein. Im Ergebnis dieser Gespräche will man „voraussichtlich bis Ende 2018 alle heutigen UKW-Programme auch in DAB+ dem bayerischen Radiohörer anbieten können“, kündigte die BLM im Dezember 2016 an. Das Arrangement mit dem BR ist für die Privaten schon vergleichweise kostengünstig. Das wird den Privaten mit dem Angebot einer vierjährigen Infrastrukturförderung versüßt.

Lokalradios wollen eine Umstiegs-Förderung

Finanzierbar ist dieser Parallelbetrieb von UKW und DAB+ für die Privaten nicht, zumal ja auch nicht feststeht, wie lange das Nebeneinander analoger und digitaler Verbreitung dauern soll. Die Privaten haben daher deutlich gemacht, dass sie eine Förderung ihrer zusätzlichen Kosten erwarten. So sieht Karlheinz Hörhammer (Antenne Bayern) Bedarf für die Übergangszeit. Er beziffert das Fördervolumen für Bayern mit 25 Mio. Euro. Das könne aus den Mehreinnahmen des Rundfunkbeitrags finanziert werden, hatten die Privaten vorgeschlagen. Die Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer verfügten im Oktober 2016 jedoch anders über diese Mittel.

Also sind die Bundesländer aufgefordert, eigene Lösungen zu entwickeln. Da ging Bayern voran. Im Dezember 2016 verabschiedete der Landtag den Doppelhaushalt für 2017 und 2018. Danach stellt das Land auf Antrag der CSU in 2017 500.000 Euro, im zweiten Jahr 1 Mio. Euro für Projekte zur Digitalisierung der Privatradios als Anschubfinanzierung bereit. Diese Mittel werden durch die BLM vergeben, die zusätzlich auf die eigenen Fördermöglichkeiten verweist.

Ein weiteres medienpolitisches Thema begleitet die DAB+-Debatte und fällt ebenfalls in die Verantwortung der Bundesländer - hier also des Bayern-Parlamentes: Um den Wettbewerb um Werbeeinnahmen zugunsten der Privaten zu gestalten fordert die BLM eine Reduzierung der Werbung in den Radios des Bayerischen Rundfunks auf 60 Minuten täglich. Dort stimmen die Privatradios gerne mit ein.

Software Defined Radio als Alternative für teure Großnetze?

Das Fraunhofer Institut zeigte im September 2016 eine Erweiterung seiner Software für DAB/DAB+ und UKW. Beide Standards und eben auch DRM+ (für das VHF-Band) wurden in einen Radio-Prototypen eingebaut. Bis zu drei Programme in einem Multiplex von 100 kHz Bandbreite seien möglich. Auf der Fachmesse IBC blieb jedoch offen, ob und wann solche Geräte marktreif und ein System auch sendeseitig einführungsreif sein könnte. Dann müssten sich noch geeignete Frequenzen finden, Ausschreibungen durchgeführt werden usw.

Noch einen Schritt weiter ging kurz darauf das Institut für Rundfunktechnik, die Forschungseinrichtung von ARD, ZDF, ORF und SRG. Dort wurden die Software des schweizerischen Projektes Open Digital Radio und kostengünstige Sendetechnik-Komponenten einem Praxistest unterzogen. Das sog. Small Scale DAB+ funktioniert im Alltagsbetrieb in der Schweiz (lokale Inseln der Fa. Digris) und wird von der Medienbehörde Ofcom wärmstens für einen Regelbetrieb in England befürwortet. Weil die Software Open Source und kostenlos und die Sendeleistungen sehr gering sind, kann das Investment auf ca.10.000 Euro reduziert werden und die laufenden Kosten sind im Vergleich mit denen eines üblichen Flächenmultiplexes ebenfalls sehr gering. Das IRT bereitete Ende 2016 einen Piloten im Raum München vor.

Weitere Informationen:
Datenbank: DAB+ in Bayern (Standorte, Programme usw.).
dehnmedia-Meldung: Neues zur Regionalisierungsstrategie vom 28.7.2017.
dehnmedia-Meldung: BDR veröffentlicht Regionalisierungs-Zeitplan vom 1.6.2017.
dehnmedia-Meldung: BLM löst „Altlasten“ für Lokalradios ein vom 23.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Bayerns Private steigen in BR-Netze um vom 13.5.2017.
dehnmedia-Meldung: Franken-Netze des BR ab Juli für Private offen! vom 17.2.2017.
dehnmedia-Meldung: Alle Bayern-Radios sollen 2018 digital senden! vom 15.12.2016.
dehnmedia-Meldung: BLM regionalisiert den privaten Landes-Mux vom 13.12.2016.
dehnmedia-Meldung: BR-Regionale wechseln in Franken-Mux vom 13.12.2016.
dehnmedia-Meldung: England: „Neue, lokale Dimension“ für DAB vom 28.10.2016.
dehnmedia-Meldung: Fliegts oder fliegts nicht vom 27.10.2016.
dehnmedia-Meldung: Erste Infos zur DAB+-Roadmap vom 27.10.2016.
Handelsblatt: Hörhammer zur Umstiegs-Förderung vom 26.10.2016.
dehnmedia-Meldung: BLM mit Maßnahmeplan für Radioentwicklung vom 12.5.2016.
dehnmedia-Meldung: Änderungen beim BR / Franken-Mux OnAir vom 14.12.2015.
dehnmedia-Meldung: Bayerns Lokalradios wollen Förderung vom 28.6.2014.

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