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Digitalradio: Regional, lokal - was geht (nicht)? (1/5)

Ein Platz im UKW-Band ist beinahe eine Lizenz zum Gelddrucken, denn man agiert in einem auf wenige Konkurrenten begrenzten Wettbewerbsumfeld. Zudem kommt UKW mit seiner lokalen technischen Struktur den Bedürfnissen lokaler Radioveranstalter entgegen. DAB+ wird das ändern - schon, weil ein breiteres Programmangebot möglich wird, was die Hörer freut. Über den Umgang mit der neuen Wettbewerbssituation und technische Lösungen gibt es widersprüchliche Ansätze in den Bundesländern.

Die von UKW her gewohnten Sendenetzstrukturen können, wenn es um lokal orientierte Radiosender geht, nicht ohne Weiteres für DAB+ übernommen werden. DAB+ arbeitet - in der Regel zumindest für die bundes- und landesweiten Versorgungen - mit größer angelegten Sendegebieten. Die Lokalradios ziehen oft kleinere Sendegebiete vor, um die Möglichkeiten für regionalisierte Werbeschaltungen auszuschöpfen. Die Verbreitungskosten für größere Gebiete sind zudem zu hoch für die lokalen Veranstalter. Selbst sieben Jahre nach dem Restart von DAB+ finden sich nicht in allen Bundesländern ausreichend Interessenten, um landesweite Multiplexe wirtschaftlich zu betreiben.

Lösungsansätze für die Digitalisierung regionaler und lokaler Radios

Es gibt mehrere prinzipielle Überlegungen, wie man den Interessen regionaler und lokaler Radioveranstalter entgegen kommen könnte. In jedem Fall braucht es den Willen der Radioveranstalter und Sendenetz-Betreiber, der Medienanstalten und der Landespolitik, die Digitalisierung gemeinsam nach vorn zu bringen. Die technischen Lösungen stellen sich so dar:
Die Auseinanderschaltung lokaler Sendungen innerhalb von Teile von Simulcast-Netzen ist mithilfe technischer Tricks machbar. Das hat ein Modellversuch in Niedersachsen nachgewiesen.
Small Scale DAB+ wird u.a. in der Schweiz für lokale Sendeinseln eingesetzt. Grundlage ist die kostenlose Open Source-Software des Software Defined Radio-Projekts für Kleinstleistungssender. Das bietet Lokalradios einen kostengünstigen Einstieg für ein relativ genau skalierbares Sendegebiet. Beim sächsichen Projekt sind das die Stadtgebiete von Leipzig und Freiberg.
Eine parallele 24/7-Ausstrahlung mehrerer Lokalprogramme in einem Mux trifft aus Kostengründen die lokalen Interessen vieler privaten Radios nicht. Außerdem benötigt jede Regionalvariante die kompletten Ressourcen für ein Programm - auch wenn die Regionalisierungen nur kurzzeitig benötigt werden. Zudem wird die Zahl der Programme bzw. die Angebotsvielfalt so reduziert.
Die ARD-Radios haben einen andere Situation. Dort werden maximal zehn Programme ausgestrahlt, so dass (wie u.a. beim RBB) Kapazitäten für parallel laufende Regionalisierungen ohne Qualitätseinbussen vorhanden sind.
Eine zeitweise Auseinanderschaltung verteilt die Bandbreite eines Programms auf mehrere und reduziert daher die Audio-Qualität der lokalen Werbung und Inhalte. Das scheint kontraproduktiv und stößt bei steigender Zahl von Lokalradios an deutliche Grenzen.
2017 testen zwei Anbieter in Sachsen-Anhalt Auseinanderschaltungen für je drei Regionen - allerdings in einem Mux mit nur sechs Programmen.
Ab 2018 Charivari Regensburg die Trennung für fünf Subregionen. Dafür stehen Ressourcen zur Verfügung, die üblicherweise drei Programmen zugewiesen werden. Daher ist ein eher geringer Qualitätsverlust zu erwarten. Die blockierte Programmplätze werden dort anderweitig nicht benötigt.
Sog. orthogonale Träger wurden für das digitale Fernsehen entwickelt. Dabei werden mehrere unterschiedlich konfiguerierte Teilmultiplexe in einem Kanal gesendet. Dieses Technik beansprucht jedoch hohe Ressourcen für den „Overhead“ zulasten der Programmplätze.
Die Sendetechnik DRM+ ist für UKW- wie auch das von DAB+ genutzte VHF-Band geeignet. Weil es keine Empfänger gibt ist das für lokale Anbieter nur von theoretischem Wert.
Realisierbar sind die drei erstgenannten Verfahren. Deren Sendungen könnten zudem mit den schon verkauften DAB+-Radios ohne Weiteres empfangen werden.

Situation in den Bundesländern

Ohne besonderen technischen Aufwand und in den üblichen großflächigen Gleichwellennetzen ergeben sich weitere Möglichkeiten - wenn Landesrundfunkanstalten mit Privatradios der jeweiligen Bundesländer zusammenarbeiten. Hier zwei Szenarios:
Private und ARD-Radios in gemeinsamen landesweiten Multiplexen.
Für dieses Konzept konnten in Saarland, Rheinland-Pfalz und NRW nur einzelne Privatradios gewonnen werden. Es handelt zumeist um Testprojekte. Wo, wie in den NDR-Ländern, die ARD-Radios mehrere regionale Frequenzen nutzen, wäre ein Aufspringen privater Radios denkbar.
Private und ARD-Radios in gemeinsamen regionalisierten Multiplexen.
Ab Mitte 2017 stieg Bayern in ein Konzept ein, das die Regionalisierungen des Bayerischen Rundfunks und die Interessen der Privatradios unter einen Hut bringt. Neben einem landesweiten BR-Mux stellt der BR eine landesweit reichende, sendetechnisch regionalisierte Struktur zur Verfügung. Das Konzept bietet sowohl landesweit als auch regional und lokal orientierten Privatradios eine Einstiegsmöglichkeit. Bis 2019 sollen alle Lokalradios des Freistaats parallel zu UKW via DAB+ verbreitet werden.
Ein ähnliches Szenario wird ab 2018 für Rheinland-Pfalz diskutiert.
DAB+ regional in Bayern und Rheinland-Pfalz.

Hier weitere Infos zum Stand in noch nicht genannten Bundesländern:
Gute Voraussetzungen bieten die Stadtstaaten für DAB+, wo ein hohes Hörerpotenzial auf ein großes UKW-Angebot trifft. In Bremen und Hamburg konnten regionale Sendeplattformen etabliert werden.
Berlin und Brandenburg arbeiten zusammen. Zusätzlich zum Berliner Mux startet 2018 ein Zweiländer-Mux. Zusammen sind mehr als 20 Programme angekündigt.
Wenn die Beteiligten gegenüber DAB+ aufgeschlossen sind, klappt es auch in Flächenländern. Im Baden-Württemberg-Mux finden neben den Privaten auch drei nichtkommerzielle „Bürgermedien BW“ Platz. Eine Studie zur Perspektive des Lokalfunks ist 2018 in Arbeit.
In Hessen sind seit Mitte 2018 zwei regionale Muxe aktiv. Weil etliche Beteiligte landesweite Interessen verfolgen, könnte dort ein Landes-Mux kommen.
In Rheinland-Pfalz sind zwei Privatradios „Gäste“ im DAB+-Mux des SWR. Ein Small Scale-Test endete Anfang 2018 ohne erkennbare Konsequenzen. Seit September 2018 liegt eine Studie zu den Verbreitungskosten für DAB+ vor. Ein Privatmux könnte laut LMK ab 2020 starten.
Hintergrund zur Studie.
Diskutiert wird auch im Saarland, wo Radio Salü im SR-Mux zu hören ist. Nach einem Call for Interest wurde Ende 2018 der Bedarf für einen landesweiten Mux angemeldet. Weitere Muxe - ggfs. auch für die Sar-Lor-Lux-Region und gemeinsam mit Rheinland-Pfalz sind angedacht.
Neben den Small Scale-Projekten schließt in Sachsen R.SA im MDR-Mux seine UKW Versorgungslücken „bis zu einer sachsenweiten Einführung von DAB+“.
Ein „Call of Interest“ soll 2018 Aufschluß über das Interesse der Privatfunker in Thüringen bringen.
NRW: von der Ablehung zum digitalen „Hörfunkkonzept 2022“?
Bis September 2017 wurde in NRW die digitale Terrestrik konsequent abgelehnt - von den 45 Lokalradios, der Medienanstalt und der Landesregierung. Vordergründig wurde DAB+ als nicht marktgetrieben abgewatscht. Im Hintergrund soll der über UKW vor Konkurrenz geschützten Markt der Lokalradios konserviert werden. Ab Ende 2017 erkennen die Beteiligten, dass eine weitere Abschottung gegen DAB+ schädlich wäre. Das ist auch Kernaussage einer im September 2018 vorgelegten Studie. Daraus und aus einer Ende 2018 gestartete Bedarfsabfrage soll sich ein „Hörfunkkonzept 2022“ ergeben.
Interessanterweise wurde Ende Februar 2018 ein unabhängiges Regionalprogramm für Düsseldorf lizenziert - jedoch ohne Zuweisung einer Frequenz.
Ein Pilotprojekt mit Domradio im WDR-Mux läuft Ende 2019 aus.
DAB+ regional in NRW.

Eine Schwierigkeit einer nationalen Rundfunkpolitik bringt die förderale Struktur der Bundesrepublik Deutschland und die sich daraus ergebende „Rundfunkhoheit der Bundesländer“ mit sich. Die Bundesländer sind für die grundsätzlichen Konzepte und rechtlichen Voraussetzungen der Radioverbreitung verantwortlich.

Ein Beispiel ist die Förderung des Parallelbetriebes via UKW und DAB+. Da öffnet das Bundesrecht über den §40 des Rundfunkstaatsvertrages (20. Novelle, in Kraft seit dem 1.9.2017) den Landesmedienanstalten eine Tür für
die Förderung von landesrechtlich gebotener technischer Infrastruktur zur Versorgung des Landes und zur Förderung von Projekten für neuartige Rundfunkübertragungstechniken.
Regeln für eine solche Förderung sind letztlich von den 16 Bundesländern in den Landesmediengesetzen festzulegen. Daher gibt es - abhängig von Regierungskoalitionen, deren Wechsel und anderen nicht unbedingt offenkundigen Faktoren - unterschiedliche oder sogar gegensätzliche Strategien der Länder für die Radio-Digitalisierung.

Besonders konsequent, gerade auch im Interesse der Lokalradios, zeigt sich Bayern. In den drei NDR-Flächenländern hat sich zwischen dem DAB+-Restart 2011 und 2018 nichts getan. In NRW deutet sich erst seit Ende 2017 eine langsame Entwicklung in Richtung auf ein Ende des bis dahin kultivierten „Feindbildes“ DAB+ und der Angst vor einem wirklichen Wettbewerb auf dem Lokalradiomarkt ab.

Der Haken am §40 ist, dass solche Infrastruktur-Förderungen nur bis Ende 2022 erlaubt sind. Eine Verlängerung dieser Regelung sollten die Bundesländer rechtzeitig in einer Novelle ihres Rundfunkstaatsvertrages vereinbaren. Sinnvoll wäre das.

Weitere Informationen:
LfK veröffentlicht Regionalkonzept vom 4.10.2018.
Ausschreibung für das Saarland 2019 geplant vom 2.10.2018.
LfM leitet Bedarfsabfrage ein vom 25.9.2018.
Spekulationen um Hessen vom 2.7.2018.
Nordhessen-Mux sendet schon ab morgen vom 29.6.2018.
Bremen-Mux seit heute auf Sendung vom 27.6.2018.
Nordhessen-Mux - Verträge in Verhandlung vom 28.5.2018.
Neuer Mux für das Allgäu ab November vom 17.5.2018.
Medienrat beschließt Programm und Testprojekt vom 17.5.2018.
Radiostudie der LMK veröffentlicht vom 16.5.2018.
SLM schreibt Restkapazitäten für Freiberg aus vom 8.5.2018.
Testende - Studio Nahe schaltet DAB+-Mux ab vom 2.5.2018.
NRW-Radios nennen Bedingungen für DAB+? vom 20.4.2018.
Regionalkonzept für Rheinland-Pfalz? vom 19.4.2018.
Erst Förderhebel, dann Ausschreibung für DAB+ in M-V. vom 8.3.2018.
„Call for Interest“ für Thüringen in Vorbereitung vom 7.3.2018.
Mehr!Radio plant Plattform für Düsseldorf vom 7.3.2018.
Kommt der Hessen-Mux 2 schon im Sommer? vom 5.3.2018.
LfM schiebt DAB+-Entscheidung weiter auf vom 27.2.2018.
SLM startet Small Scale Projekte am 31.1. vom 22.1.2018.
Lokalradio-Verband will „keine Abschottung“ vom 21.9.2017.
Call for Interest jetzt auch für MV vom 15.9.2017.
Wer nicht wenigstens nachdenkt, hat verloren vom 8.9.2017.
LMS startet Verfahren für Interessenbekundung vom 1.9.2017.
Media Broadcast bekommt die Bremen-Plattform vom 1.9.2017.
RBB startet Netzausbau in Brandenburg vom 1.9.2017.
Small Scale startet in Rheinland-Pfalz (2) vom 8.8.2017.
Small Scale startet in Rheinland-Pfalz (1) vom 3.8.2017.
Small Scale-Konzept für Bremen-Plattform? vom 12.7.2017.
Andrang auf zweiten Hauptstadt-Multiplex vom 29.6.2017.
SLM erteilt Zulassungen für Small Scale Projekte vom 23.6.2017.
SLM bestätigt Andrang auf Small Scale Projekte vom 23.5.2017.
SLM veröffentlicht Lokalradio-Ausschreibung vom 13.4.2017.
SAW mit drei Regionalisierungen vom 15.11.2016.
Fliegts oder fliegts nicht vom 27.10.2016.
Erste Infos zur DAB+-Roadmap vom 27.10.2016.
Privatmux fürs Dreiländereck im Südwesten? vom 30.9.2016.
teltarif.de: Fraunhofer/DRM+ vom 13.9.2016.
Schweizer Modell „ideal“ für Sachsen vom 5.9.2016.
Keine Regional- und Lokalmuxe für Ba-Wü vom 16.6.2016.
ARD setzt auf raschen Ausbau von DAB+ (20. KEF-Bericht) vom 20.4.2016.
Echo zum 20. KEF-Bericht (1) (D-Radio, VPRT) vom 14.4.2016.
KEF kürzt Budget und fordert Bekenntnis (20. KEF-Bericht) vom 13.4.2016.
Lokaler Testmux für Private in Leipzig geplant vom 8.3.2016.
Privatradio für Sachsen als Test vom 26.12.2015.
Projekt soll lokale Fenster testen vom 23.10.2015.
Lowpower/Lowtower-Test in Stuttgart vom 28.9.2015 und Abschlußbericht der LfK.
DRM+ prinzipiell über UKW möglich vom 16.12.2009.

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