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DAB+ in Österreich (2/5): Nationaler Mux vor Start

DABplus-Logo Schriftzug Österreich Nachdem Mitte Dezember 2017 die Entscheidung für den zeitgleich ausgeschriebenen Wiener Multiplex veröffentlichte, erfolgte der Beschluß über den nationalen Multiplex erst nach Verzögerungen. Die Medienbehörde KommAustria hatte sich gut ein Jahr Zeit lassen müssen, bis die Lizenz für den sogenannten Mux-I - den nationalen DAB+-Mux Österreichs - im August 2018 an ORScomm vergeben wurde.

Als erste Hürde erwies sich die Festlegung der Frequenzen mit den Nachbarländern. Laut KommAustria hatten einige Staaten ihre eigenen Planungen noch nicht abgeschlossen. Andere Nachbarn waren mit der Einführung von DAB+ schon wesentlich weiter fortgeschritten als Österreich, was die Verfügbarkeit von Frequenzen einschränkte. Die Frequenz-Koordination mit den Nachbarländern erwies sich also als schwierig und die Verhandlungen nahmen unerwartet lange Zeit in Anspruch.

So ganz abgeschlossen war die Koordination aber auch später nicht. Der Zulassungens-Bescheid misst allen Sendestandorten einen Versuchscharakter zu. „Mit dem positiven Abschluss des Koordinierungsverfahrens entfallen die Auflagen“ der Testzulassung (siehe Ziffern 5.4 des Bescheides).

DAB+ erweitert die Reichweite viele Radiostationen

ORScomm wurde als Betreiber einer Sendeplattform für zehn Jahre mit elf Programmen zugelassen. Die meisten Programme waren zumindestens den Hörern in Wien aus dem dortigen DAB+-Angebot oder dem vorangegangenen Pilotprojekt bekannt. Sie wollten in die nationale Verbreitung „aufsteigen“. Es handelt sich um Energy, Rockantenne, Radio 88,6, Radio Technikum und die christlichen Radios ERFplus und Radio Maria. Nach der Teilnahme am Wiener Piloten ist Klassik Radio Austria auf nationaler Ebene dabei. Die deutsch-österreichische Arabella-Gruppe avisierte Arabella Relax, das bis dahin nur online zu hören war. Die Rewe-Tochter Radio Max führte in Vorbereitung der nationalen Verbreitung die Supermarkt-Beschallungen der Rewe-Ketten Billa, Bipa, Merkur und Penny in der Radiomarke jö.live zusammen. Der Sendername nimmt auf das im Februar 2019 von Rewe und Partnern gestartete Bonus-Konzept Bezug. ORScomm wurde außerdem verpflichtet, einen Program Guide (EPG) und ein Verkehrsdatenangebot nach dem TPEG-Standard beizusteuern.

Aus Sicht der Medienbehörde ist DAB+ „der Ausweg aus der UKW-Frequenzknappheit in Österreich und ermöglicht deutlich mehr Programm- und Meinungsvielfalt im Radio“. KommAustria unterstreicht diesen Standpunkt ihres Vorsitzende Michael Ogris durch die Info, dass immerhin sechs der künftigen digitalen Programme in Österreich überhaupt nicht und weitere vier in maximal drei Ballungsräumen über UKW zu hören sind. Einzig Radio Maria ist in sieben UKW-Gebieten präsent. Anders formuliert: Die beteiligten Programme können ihre bisherige - vor allem über UKW bestehende - Reichweite mittels DAB+ erheblich ausdehnen.

Auch das Verkehrsradio ARBÖ und LoungeFM waren für den nationalen DAB+-Multiplex zugelassen worden; beide verzichteten jedoch frühzeitig auf die nationale digitale Verbreitung.

In der Konsequenz wurden Kapazitäten für fünf bis sechs Programme ausgeschrieben, um die Lücken im Wiener DAB+-Multiplex aufzufüllen.

Absurd hohe Forderungen ...

Im Vorfeld zeigte sich eine gravierende Hürde, die möglicherweise einen frühzeitigen Sendestart verhindert hat. Die Verwertungsgesellschaft Autoren, Komponisten und Musikverleger registrierte Genossenschaft mbH (AKM) machte mit hohen Geldforderungen für Musikrechte Schlagzeilen: AKM hatte Mitte 2017 „insgesamt rund zwei Millionen Euro jährlich“ an Urheberrechts-Abgaben für die elf zu der Zeit in Rede stehenden Programme gefordert. Und das schon während des Netzaufbaus in den Jahren 2019/2020. Für das ab Herbst 2020 voll ausgebaute Sendenetz wurden nach Angaben des Vereins Digitalradio Österreich sogar „rund fünf Millionen Euro“ verlangt. Das sei absurd - schon weil die anfänglich eher geringe Reichweite von DAB+ mit der hohen Reichweite von UKW nicht vergleichbar ist. Nicht zuletzt: Mit einer anderen Verwertungsgesellschaft hatte man sich auf nur 66.000 Euro jährlich einigen können.

Offenbar bestand aber generell ein Bedarf zur Neuregelung der Urheber-Abgaben von Privatradios in Österreich. Ein Schiedsverfahren endete im November 2018 mit einer für DAB+ hilfreichen Neuregelung. Bis dahin wurden die Abgaben der Privatradios für die UKW-Verbreitung an den Brutto-Werbeerlösen bemessen. Diese basieren auf den offiziellen Tarifen für Werbeschaltungen, die jedoch aufgrund marktüblicher erheblicher Rabattierungen reine Theorie sind und zu unrealistischen überhöhten Zahlungen führten. Vereinbart wurde nun eine Neubewertung aufgrund der tatsächlichen Erlöse.

Für DAB+ wurde eine Sonderregelung ausgehandelt: Bis zum Erreichen eines Versorgungsgrades von 80 Prozent sind reduzierte Abgaben an die AKM vorgesehen. Es bleibe allerdings dabei, dass AKM dann acht Prozent der Werbeeinnahmen der Radiosender abkassiert, während andere Rechteverwerter sich mit 2,5 (Austromechana) bzw. vier Prozent (LSG) bescheiden.

... verzögern den Sendestart

Die Forderungen der AKM hatten allerdings den Einstieg der Privatradios beim nationalen DAB+-Multiplex unmöglich gemacht. Die Radios hätten erheblich draufgezahlt, ohne im Parallelbetrieb mit UKW mehr Hörer zu bekommen. Aus diesem Grund musste der Betriebsbeginn, den KommAustria ursprünglich für den 2. April 2019 in Aussicht gestellt hatte, auf den 28. Mai verschoben werden.

Bis zu 16 Programme sind möglich

Mit dem für alle Programme vorgegebenen Protection Level EEP-3A ergibt sich eine Datenrate von 1.152 Mbit/s im Kanal. Als Kompromiss zwischen Kosten und Qualität wurde für 54 CU (bzw. 72 kbit/s Bandbreite) je Programm entschieden. Alle Programme kündigen Dynamic Label Services an, so dass programmbegleitende Kurztexte (Nachrichtenticker, Sendungstitel, Songinfos etc.) ausgestrahlt werden können. Radio Technikum bekommt für zusätzliche Slide Shows insgesamt 60 CU.

Bei insgesamt 864 CU je Kanal sind also prinzipiell rund 16 Programme möglich. Für den ORF sind 3x54 bzw. 162 CU zu reservieren. Der öffentlich-rechtliche Sender hält einen UKW/DAB+-Simulcast für nicht finanzierbar. Jedoch war ein Jugendformat („Ö3X“) angedacht, das die neuen Dienste von DB+ intensiv einsetzen sollte. Neue Radioprogramme sind dem ORF jedoch durch das ORF-Gesetz untersagt. Damit wird der ORF weiterhin zielgerichtet aus der digitalen Terrestrik herausgehalten.

Kronehit, das langjährig einzige national aktive UKW-Privatradio Österreichs, macht für sein Desinteresse an DAB+ strategische Gründe geltend. Die Mediengruppe Antenne 'Österreich' und Medieninnovationen GmbH erhielt Anfang 2019 eine weitere nationale UKW-Lizenz und ließ verlauten, dass man sich bei DAB+ beteiligen wolle.

Weitere Ausschreibung und mehr Infos zu den Sendekosten

Nach den veröffentlichen Informationen waren kurz vor dem Sendestart noch Programmplätze zu besetzen. Zudem sei mit einigen Rückziehern der ursprünglich lizenzierte Programme zu rechnen, verlautet intern. ORScomm als Betreiber der Sendeplattform hatte daher Kapazitäten von zusammen 312 CUs nachträglich ausgeschrieben. Das entspricht der Kapazität für vier Programme.

Die Information zu der genannten Ausschreibung enthält übrigens u.a. einige interessante Aspekte zu den von der ORS geforderten Kosten. Diese liegen pro Jahr und CU zwischen 1.061,67 Euro für die erste Ausbauphase und 2.040,80 Euro bei Vollausbau (siehe oben). Ein Bewerber müsste also, wenn die üblichen 54 CU gebucht werden, anfänglich 57.330,18 Euro und ab Ende 2020 um 110.203,20 Euro (jeweils netto) kalkulieren.

Perspektiven

KommAustria betrachtet die Perspektiven von DAB+ auch von der Hörerseite. Laut der Behörde wurden 2016 in der Alpenrepublik 500.000 Radiogeräte gehandelt. Davon waren immerhin 6 Prozent (also: 30.000) DAB+-tauglich - obwohl DAB+-Radios damals nur in Wien für das dortige Pilotprojekt oder in den Grenzregionen für Sender aus den Nachbarländern genutzt werden konnten.

„Es ist davon auszugehen, dass der Anteil an DAB+fähigen Endgeräten bis 2023 auf rund 36 Prozent oder mehr als 900.000 DAB+-Empfängern steigen wird“, lässt sich KommAustria auf eine recht optimistische Prognose zum Gerätebestand ein. Neben dem Netzausbau sollen dazu auch das Marketing der Radioveranstalter und der ohnehin steigende Anteil von Radios mit DAB+-Tunern im Markt beitragen. Noch stärker könnte sich der Abverkauf entwickeln, wenn ein zweiter Multiplex in Betrieb geht und wenn DAB+-Tuner in Radios z.B. durch eine (im Dezember 2018 beschlossene) EU-Vorgabe verpflichtend werden.

Weitere Infos:
Rewe bereitet seine Radios auf DAB+ vor vom 26.4.2019.
Erste Tests für den DAB+-Mux haben begonnen vom 25.4.2019.
DAB+-Mux Österreich ab 28.5 auch vom Pfänder vom 20.4.2019.
Start am 28. Mai offiziell bekannt gegeben vom 22.1.2019.
Nationaler Mux auf den 28. Mai präzisiert vom 12.1.2019.
Nationaler Mux startet „voraussichtlich Ende Mai“ 2019 vom 10.1.2019.
Arabella Plus ab Q3/2019 vom 8.1.2019.
EU-Rat beschließt Hybridtuner-Pflicht für Kfz vom 4.12.2018.
Nationaler DAB+-Mux kann am 2.4.2019 starten vom 3.8.2018.
Nationaler DAB+-Mux sendet nicht vor 2019 vom 10.4.2018.
Zwei Bewerber für DAB+-Multiplexe vom 13.6.2017.

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