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DAB+ Ende 2022: Versuch einer Bilanz

Digitalradio-Schriftzug ab 5/2107 Die Einstellung von dehnmedia.de bietet Anlass für eine Bilanz rund um die Schlaglichter von DAB+ im Jahr 2022. Auf Vollständigkeit wird ebenso verzichtet wie auf das Wiederkäuen nicht mehr ganz neuer Statistiken.

dehnmedia.de beschäftigte sich seit dem Launch im Jahr 2004 auch mit der Digitalisierung des Hörfunks. Nachdem DVB-T eingeführt war rückte das Radio in den Blick. Das erst recht, als der nationale Regelbetrieb von DAB+ im Sommer 2011 und der Aufbau von Sendenetzen der ARD in den Bundesländern bevorstand.

DAB+ ist unabdingbar für die Hörfunk-Verbreitung

Nach jetzt wenig mehr als 10 Jahren führt für die digital-terrestrische Radioverbreitung kein Weg an DAB+ vorbei. Den ARD-Stationen bleibt die Aufgabe, den Empfang in Gebäuden zu ermöglichen und verbliebene Funklöcher zu schließen.

Mit neuen Programmen von ARD und Deutschlandradio ist nicht mehr zu rechnen. Dem stehen zum Einen medienrechtliche Hürden im Wege, zum Anderen der Wunsch der Politik, den Rundfunkbeitrag um jeden Preis zu drücken. Die KEF will den UKW-Ausstieg der mehr als 60 öffentlich-rechtlichen Radiowellen über die Streichung der UKW-Finanzierung erzwingen - unabhängig von der Marktentwicklung.

Inzwischen fügen sich viele Gegner aus der privaten Radiowirtschaft stillschweigend ins Unvermeidliche und wollen ihre alten (und mangels UKW-Ressourcen neue) Programme digital in die Luft bringen.

Von UKW nach DAB+: Abwarten oder gestalten?

Für die Privatradios bleibt Bayern das Pionier-Bundesland: Seit April 2021 sind alle UKW-Radios im Simulcast auf DAB+. Die Kombination landesweiter, regionaler und lokaler Multiplexe ergibt sich aus der Zusammenarbeit des Bayerischen Rundfunks und der Landesmedienanstalt BLM. Als erstes lokales Programm verzichtet Galaxy Kempten seit Ende September 2022 auf seine UKW-Verbreitung. Klassikradio und die Sender von Deutschlandradio haben etliche UKW-Frequenzen zurückgegeben.

Im Spannungsfeld der Technologien wird immer wieder auf die wichtige Rolle von UKW für die Refinanzierung der Privatsender verwiesen. Der Alltag (und alle Statistiken, Studien etc.) zeigen, dass UKW im Abwind ist. Absonderlich mutet an, wenn in Sendungen für Nachhaltigkeit und Energiesparen geworben wird - während diese Programme das Gegenteil praktizieren, indem sie auf dem Energie- und Kostenfresser UKW beharren.

Aktivitäten der Privatradios in einigen Bundesländern

Wie wichtig DAB+ jetzt (und trotzdem) für die Privaten ist, zeigen Entwicklungen der letzten Zeit in einigen Bundesländern, die den allgemeinen Trend widerspiegeln.

Niedersachsen Niedersachsen betreffend sei an die Anti-Kampagne der dortigen Dorf-FDP (2022 aus dem Landtag gewählt) erinnert. Auch ohne landesweite und regionale Radiokanäle hatte Mitte 2022 knapp 27 Prozent der Haushalte Zugriff auf DAB+-Empfänger. Diesem Trend konnten sich die Privatradios nicht verschließen und forderten den Aufbau von DAB+ im Bundesland. Im Sommer 2023 soll eine in zehn Regionen gegliederte Multiplex-Struktur - mit dem Ziel einer landesweiten Abdeckung - den Sendebetrieb beginnen. Neben einigen neuen Kommerzradios aus dem Bundesland will die Medienanstalt NLM 12
10 DAB+-Regionen für Niedersachsen
(Grafik: NLM, klickbar).
Nichtkommerziellen Radios berücksichtigen. Der Plattform-Betreiber Media Broadcast wird die Programme unter Vertrag nehmen.

Schleswig-Holstein Auch in Schleswig-Holstein tut sich Einiges: Der Modellversuch in den Regionen Kiel, Lübeck und Sylt endet offiziell Ende 2022. Zwischen den Meeren soll im Frühjahr 2023 eine landesweite Abdeckung im Regelbetrieb auf Sendung gehen. Diese ist in vier regionale Multiplexe aufgeteilt, so dass z.B. regionale oder lokale Veranstalter nicht die Verbreitung im gesamten Bundesland finanzieren müssen. Umgekehrt steht es interessierten Veranstaltern frei, ihre Programme auf mehreren oder allen Multiplexen zu platzieren. Auch diese Plattform verantwortet Media Broadcast. Die Medienanstalt MA HSH hat bereits
4 Muxe im Norden
(Grafik: MA HSH, klickbar).
einige neue Programme zugelassen.

Rheinland-Pfalz Ein auf fünf Jahre angesetzter Versuch sah für Rheinland-Pfalz vier Regionalensembles vor. Mit kostengünstiger Small Scale-Sendetechnik sollte erstmalig in Deutschland die Versorgung größerer Flächen umgesetzt werden. Dieses Pilotprojekt wurde zwei Monate nach der Flutkatastrophe des Sommers 2021 ausgeschrieben und knapp ein Jahr später und kurz vor der (nach mehreren Verschiebungen erwarteten) Vergabe-Entscheidung kassiert. Ein Jahr nach der Flutkatastrophe dienten unzureichende Anforderungen an die Integration von Behörden-Informationen als Begründung. Jetzt will man bei der MA RLP abwarten: Bis die neubesetzen Gremien der Landesmedienanstalt sich konstituiert haben, vielleicht auch bis EWF die offizielle Standardisierung durchlaufen hat, bis die Politik eine EWF-Schnittstelle ins Modulare
Muxe für Rheinland-Pfalz, (Grafik: MA RLP, klickbar).
Warnsystem (MoWaS) des Bundes zuteilt oder bis EWF-geeignete Radios den Markt dominieren? Wird - wenn überhaupt - ein Regelbetrieb ausgeschrieben? Die Medienanstalt RLP hält den Deckel drauf.

Nordrhein-Westfalen In Nordrhein-Westfalen ist ein fast komplett gefüllter Multiplex seit Ende Oktober 2021 landesweit für 89 Prozent der Haushalte empfangbar. Die Landesmedienanstalt LfM legte ausdrücklichen Wert auf Berichterstattung über das größte Bundesland. Auch dieses Netz bzw. die Plattform betreibt Media Broadcast. Die Partner (und Mitbewerber der Ausschreibung) Divicon Media und Uplink Network bauten und betreiben die Sendetechnik.

Gar kein digitalterrestrisches Land in Sicht ist für die 45 von der LfM gelisteten UKW-Lokalradios. Ein Letter of Intent der LfM und der Sender vom 15. Dezember 2022 verweist auf eine im Frühjahr 2021 begonnene Zusammenarbeit. Zu Ergebnissen findet sich nichts. „Die wichtigste Erkenntnis des Prozesses ist,
NRW-Landes-Mux, (Grafik: MB, klickbar).
dass der größte Hebel zum Wandel innerhalb des Systems selbst liegt. Lokale journalistische Vielfalt zu schützen, kann nur in einem wirtschaftlich tragfähigen System gelingen“, wiederholte LfM-Direktor Tobias Schmid seinen Aufruf an die Lokalradios vom Oktober 2020, die Dinge in eigene Hände zu nehmen. Die schieben die Verantwortung weiterhin ab: „Die Landesregierung NRW und die Landesanstalt für Medien NRW sind gefordert, Korridore zu schaffen, um das Fortbestehen des Zwei-Säulen-Modells zu unterstützen.“ Die gesetzlich vorgegebene Existenzsicherung der Radiotöchter der zeitungsverlage soll also weiterhin durch eine Zwangspartnerschaft öffentlicher lokaler Institutionen mit den Radioablegern gesichert werden.

Sachsen Auch in Sachsen tut sich allerhand. Das dortige Konzept setzt auf drei Regionen auf. Ausserdem sind neue lokale Multiplexe für Dresden und Chemnitz vorgesehen. Im ersten Gang wurden 37 Programme zugelassen, weitere Zulassungen folgten. Das Angebot umfasst eine bunte Mischung - von Regionalwellen großer Veranstalter bis zu nichtkommerziellen Stationen. Der Sendebeginn wird „ab dem Frühjahr 2023“ angekündigt. Betreiber der neuen regionalen und lokalen Netze die im Bundesland ansässige Divicon Media. Zum
DAB+ für 3 Sachen-Regionen, (Grafik: SLM, klickbar).
Paket gehört auch ein von Media Broadcast betriebener landesweiter Multiplex.

MeckPomm Einen interessanten und einmaligen Weg geht Mecklenburg-Vorpommern. Die Landesmedienanstalt ist nicht in der Lage, die DAB+-Verbreitung von Privatradios zu fördern. Dazu hat auch die Landesregierung bisher nicht beigetragen. Um nicht ganz ohne DAB+ zu bleiben, kam eine Initiative des nichtkommerziellen Radios LOHRO aus Rostock zupass. Die Ausschreibung einer Lokalplattform für Rostock begrenzte die Bewerbung auf den Rostocker Verein Kulturnetzwerk e.V., der LOHRO veranstaltet. Es dauerte einige Zeit, bis
UKW-Radios lokal in MV, (Grafik: MMV, klickbar).
der Senderstandort auf einem Kraftwerks-Schornstein gefunden wurde und bis die mit kompetenten Partnern konzipierte Technik in Betrieb gehen konnte.

Inzwischen entdeckte der landesweit über UKW aktive Privatsender Ostseewelle sein Interesse an DAB+. Dessen einziger überregional aktiver Wettbewerber Antenne MV war vom Veranstalter zum Ableger des nationalen DAB+-Kanals 80s80s mit lokalen Fenstern degradiert worden. Damit wurde der Hörfunk im am dünnsten besiedelten Bundesland nicht gerade gestärkt. In dem, wenig verwunderlich, am schlechtesten mit Radioprogrammen versorgten Bundesland senden nur fünf weitere Programme lokal über UKW. Alle haben ihre Stammsitze und Produktionsorte in anderen Bundesländern und sind in anderen Regionen auf DAB+ vertreten. Dazu kommen einige Ausbildungs- und nichkommerzielle Radios mit lokalen Aufgaben.

Konzepte hinterfragen

Die Fragen nach der Wirtschaftlichkeit einiger Programmkonzepte steht weiterhin. Wie es scheint reicht es z.B. weder für bundes- noch für landesweite Spartensender á la Sportradio. Liegt das nur an fehlenden Senderechten für die Bundesliga und internationale Events? Bundesweit scheiterte auch ein Frauensender aus gleichem Hause.

Welchen längerfristigen Erfolg haben Computer-Diskos und ähnliche Billigformate ohne redaktionelle Inhalte? Wwas tragen sie zur Vielfalt des gesamten Programmangebotes bei, falls sie überhaupt etwas dazu beitragen?

Wie lange halten Programme durch, die nicht aus Werbeeinnahmen finanziert werden, sondern aus den PR-Töpfen von Unternehmen á la Aida, Brillux und DPD? Unterliegt ein auf die Bewerbung eigener Produkte und Dienstleistungen orientierter branchenfremder Sender dem Medienrecht oder dem Werberecht? Ist das mit dem Verbraucherrecht vereinbar? Wenn ja: Sollte man nicht die Rechtsgrundlagen im Sinne einer klaren Verbraucherinformation anpassen?

Umsteigen in den nachhaltigen Ausstieg

Das von etlichen Radioveranstaltern als strategisches Nonplusultra der Radiozukunft gefeierte Internet ist für eine der Hauptnutzungen des Radios im Auto ebenso unbrauchbar wie für die Behördenkommunikation in Notfällen. Wenn es funktioniert, kostet es Geld; hört man zuviel Radio im Monat, kann die Strafe in Gestalt einer Reduzierung der Datenrate und Verschlechterung der Qualität folgen. Dieses Prinzip ist für den Rundfunk kontraproduktiv.

Einige aus der Radiobranche argumentieren gerne mit den teuren Kosten der Doppelverbreitung über UKW und DAB+. Warum ein schrittweise Ausstieg aus dem teuren UKW nicht durch eine gemeinsame Umstiegsstrategie flankiert wird, ist nicht überzeugend erklärbar.

Sollte die Politik für die Nachfolge von DAB+ auf 5G Broadcast setzen, müssen alle Radioprogramme, ob privat oder öffentlich-rechtlich, für jeden frei und kostenlos zugänglich bleiben. Grundverschlüsselungen bzw. jedwede Art von „Wegezoll“ sind gesetzlich zu unterbinden.

Der Verzicht auf UKW zugunsten von DAB+ für die Radioterrestrik leistet einen nachhaltigen Beitrag zum Umweltschutz. Deutschlandradio hat bereits auf etliche UKW-Standorte verzichtet, kann diesen Weg aber nicht allein zuende gehen. Die Privaten müssen mitziehen. Die frei gesetzten UKW-Freqenzen nicht erneut zu vergeben, wäre ein erster Schritt.

Das Fernsehen schaffte die Digitalisierung in nicht einmal 20 Jahren zweimal. In beiden Fällen gab es mittelfristige Pläne für die technische Umstellung und die Information der Öffentlichkeit. Nach 70 Jahren UKW ist der Abschied des Radio vom Analogen fällig. Man kann natürlich auch abwarten, bis UKW sich von selbst erledigt hat, anstatt den Ausstieg aus UKW zugunsten von DAB+ längerfristig - z.B. bis 2030 - gemeinsam zu gestalten, zu planen, zu bewerben. Wie sagte doch gleich Herr Gorbatschow?

Weitere Infos:
Hier werden allgemeine Meldungen gelistet. Links zu Infos über Ausschreibungen, Aufschaltungen usw. finden sich auf den Programm- und Senderseiten.
Digitalradio DAB+ 2022: Mehr Nutzung, mehr Auswahl, mehr Radio. DAB+-Büro am 15.12.2022.
Presseinfo zum NRW-Letter of Intent vom 15.12.2022.
Weiter kaum Aussichten für MV-Privatradios. vom 22.12.2022.
Wie geht es weiter in Rheinland-Pfalz? vom 21.12.2022.
Galaxy Kempten verzichtet komplett auf UKW. vom 1.10.2022.
NS-Plattform „ab etwa Sommer 2023“. vom 21.9.2022.
MA RLP stoppt DAB+-Ausschreibung. vom 21.9.2022.
Neue Sachsen-Ensembles ab Frühjahr 2023. vom 25.8.2022.
Kooperationsmodell für die SH-Multiplexe. vom 18.8.2022.
Zur Planung der Sendenetze für Sachsen. vom 5.8.2022.
Brillux statt Femotion bundesweit über DAB+. vom 14.4.2022.
SLM bringt 37 DAB+-Programme auf den Weg. vom 1.3.2022.
10 landesweite Privatradios für NRW on air. vom 29.10.2021.
4 Small Scale-Gebiete in RLP ausgeschrieben. vom 8.10.2021.
Alle UKW-Sender Bayerns jetzt im Simulcast. vom 1.4.2021.
Lokalfunk muß sich dem Wettbewerb stellen vom 29.10.2020.
Radiozukunft - Niedersachsen ohne DAB+? vom 19.6.2019.



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