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RTL: Rücktritt vom Ausstieg aus der Antenne (2/2)

Terrestrik Terrestrik Der Ausstieg von RTL aus der Terrestrik, der zwischen dem 31. Juli 2013 und Ende 2014 vollzogen werden sollte, löste eine Diskussion um die Zukunftsfähigkeit von DVB-T und die Perspektiven mit DVB-T2 aus.

Zum Glück zog die ProSiebenSat1-Gruppe nicht mit, verlängerte die Verbreitungsverträge bis 2018 und ließ seine neuen Programme in Bayern aufschalten. Die ProSiebenSat1-Gruppe könnte die RTL-Frequenzen für weitere Spartenkanäle nutzen.

Nach knapp einem Jahr ruderte RTL allerdings zurück und avisierte eine nochmalige Prüfung des avisierten - und in Bayern - schon vollzogenen Ausstiegs aus DVB-T. Hier eine Bestandsaufnahme der Vorgeschichte.

München/Südbayern war die erste Region, wo der RTL-Multiplex bereits am 31. Juli 2013 abgeschaltet wurde. Nach dem Stand vom Januar 2013 sollte dieser Schritt in den anderen Regionen (Berlin, Hannover/Braunschweig, Hamburg, Bremen, Kiel/Lübeck, Köln/Bonn, Düsseldorf/Ruhrgebiet, Rhein/Main) bis spätestens Ende 2014 mit auslaufen der Sendelizenzen für die Programme RTL, Vox, RTL II und Super-RTL vollzogen werden. In Berlin steht zusätzlich der Nachrichtenkanal N-TV auf der Abschaltliste. Auch die Sendegenehmigungen für das Pay-Angbeot Viseo+ laufen zum 31. Dezember 2014 aus.

RTL-Begründung: Kosten und Frequenzpolitik blockieren Geschäftsmodelle

Marc Schröder, in der RTL-Gruppe für Unternehmensentwicklung zuständig, begründete den Ausstieg mit den Übertragungskosten und der sich aus der Frequenzpolitik der Bundesregierung unsicheren Perspektive für DVB-T/DVB-T2.
RTL erreicht nach eigenen Angaben über Antenne nur etwa 1,17 Mio. Haushalte - das seien 4,2 Prozent seiner Zuschauer.
Bezogen auf die erreichten Zuschauer koste die Programmverbreitung per DVB-T je Haushalt das 30fache der Sat-Übertrgaung.
„Eine Zukunft der Terrestrik (ist) für viele Sender unter stabilen ökonomischen Rahmenbedingungen nur verschlüsselt möglich.“ Jedoch „lassen weder die Bundesländer noch die verschiedenen Regulierungs- und Aufsichtsbehörden den notwendigen Willen erkennen, ein solches Projekt zu unterstützen“.
„Ein durch Bund und Länder gemeinsam garantierter stabiler Verbleib der terrestrischen Frequenzen im Verfügungsbereich des Rundfunks auch über das Jahr 2020 hinaus, der das erforderliche Investitionsvolumen im mittleren zweistelligen Millionenbereich allein für die Mediengruppe RTL Deutschland rechtfertigt, ist nicht erkennbar.“
Unter diesen Voraussetzungen sei kein „ökonomisch tragfähiges Geschäftsmodell“ für eine DVB-T Beteiligung der RTL-Gruppe in Sicht.

Gerade RTL hatte sich schon früher in Richtung auf Grundverschlüsselung der Terrestrik und kostenpflichtige Abos aus dem Fenster gehängt. Schröders Chefin Anke Schäferkordt hatte bereits 2006 festgestellt, dass es nicht angehe, „einen von drei Verbreitungswegen unverschlüsselt zu lassen“. 2009 folgte die grundverschlüsselte Insellösung Viseo+ - das einzige kostenpflichtige DVB-T Paket ist in Stuttgart und Leipzig/Halle verfügbar. Es nutzt im Gegensatz zu allen anderen DVB-T Angeboten Deutschlands MPEG-4 Technik. Kundenzahlen wurden allerdings nie veröffentlicht.

Digitalfernsehpionier Prof. Ulrich Reiners kommentiert

Der RTL-Ausstieg könnte, so Ulrich Reimers, einer der „Väter des digitalen Fernsehens“, im Januar 2013 auf einer Fachkonferenz der Landesmedienanstalten, empfindliche Folgen für die Fernsehverbreitung haben:
Wird die Terrestrik ohne die Privaten zum bundesweiten Randereignis, müsste die KEF „mittelfristig eine Wirtschaftlichkeits-Entscheidung treffen“, so Reimers, der selbst KEF-Mitglied ist. DVB-T könnte komplett zur Disposition gestellt und aufgegeben werden.
Tritt das ein, kann man „DVB-T2 für Deutschland vergessen“.
Für den Netzbetreiber Media Broadcast und die Sendeabteilungen der ARD könnte das Entlassungen bedeuten.
Rückwirkungen gibt es auch für den analogen und digitalen Hörfunk, denn der müsste allein die Sendestandorte finanzieren.
Und nicht zuletzt: Die Verbraucher, die Fernsehprogramme in 1 Mio. Autos und mit 5,6 Mio. USB-Sticks auf Laptops mobil bzw. portabel empfangen, wären gelackmeiert.

Dass die Mobilfunkbetreiber die TV-Antenne beerben sieht Reimers nicht ohne weiteres. Die derzeitigen Vertragsbedingungen für LTE-Angebote seien für den Ersatz der Broadcast-Plattform für Bewegtbild-Übertragungen (einschl.Live-Sendungen) nicht geeignet. Als Beispiel nennt er die Limitierung auf 10 Gigabyte Datenvolumen monatlich bei Telekom Call&Surf. Da „könnte der Nutzer pro Monat nur rund acht Stunden mobiles Fernsehen in Standardqualität empfangen“, kommentierte Reimers die wenig verbraucherfreundliche Aussicht. Zudem könnten die zellularen Mobilfunknetze den Bedarf für die Übertragung von Videos hoher Qualität auch mit erweiterten LTE-Standards nicht befriedigen. Erst recht nicht, wenn „aus dem 'Mal ein YouTube-Video angucken' ein Wunsch nach der Nutzung von Live-TV auf dem Tablet“ wird.

Reimers bemüht sich indessen um technische Alternativen, die allen Beteiligten und Betroffenen gerecht werden sollen. Diese stützen sich auf das Modell, Medieninhalte an portable und mobile Nutzer unter Ausnutzung der vorhandenen Broadcast-Infrastruktur zu verbreiten. Das könnten laut Reimers „Tower-Netze auf Basis größerer Zellen“ leisten; diese Signale müssten allerdings „zu LTE passen und global nutzbar sein, damit es eine Chance gibt, dass die entstprechende Empfangstechnik in LTE-Modems, Smartphones, Tablets etc. auch eingebaut wird.“

Für eine solche Lösung sei aber nicht nur ein globaler Standard erforderlich, sondern auch gemeinsame Anstrengungen der Betreiber von Mobilfunk- und Broadcast-Netzen. Nicht zuletzt müsse die Medienregulierung aktiv werden. Ihre Aufgabe sei es, ein minimales allgemeines Programmangebot zu sichern (Must Carry) und den Bezug von Medieninhalten zugunsten des Erhalts des Live-Fernsehens „außerhalb der heutigen Volumen-Tarife“ durchzusetzen. Reimers sieht damit durchaus die Möglichkeit, Fernsehen mit modernen Mobilfunktechnologien wie LTE an den portablen und mobilen Zuschauer bzw. aufs Smartphone oder Tablet zu bringen. Dabei werde man aber auch künftig nicht ohne die Rundfunkübertragungssysteme auskommen, die dann Teil eines hybriden Systems beider Übertragungswelten sind.

Antennenzukunft Dank Telekoms?

Eine Lösung á la Reimers könnte unterm Strich bedeuten, dass die Mobilfunkunternehmen die UHF-Frequenzen nutzen und dafür Netzpartnerschaften mit Media Broadcast eingehen. Aus Sicht der Verbraucher tritt damit wiederum die Kostenfrage auf den Plan. So oder so zwingt der Ausstieg von RTL und das eventuell folgende vollständige Aus für die TV-Antenne die Zuschauer zum Umstieg auf einen kostenpflichtigen Verbreitungsweg wie Kabel oder IPTV beim stationären Empfang.

Unter dem Vorwand, den Übertragungsweg „durch die Luft“ für die mobilen Nutzer zu erhalten könnten künftig auch Mobilfunkbetreiber in den Genuß von „Transport“- und Anbietergebühren für das Live-Fernsehen kommen. Weil sie über ihre Festnetzangebote in den Haushalten stationär schon präsent sind, kann der Wegfall der Terrestrik auch diesen Markt neu aufrollen - mit einiger Sicherheit zugunsten der großen Kabel- und Festnetzanbieter.

Die Zuschauer werden veranlasst sein, wieder einmal in neue Endgeräte zu investieren - und dafür kostenpflichtige Verträge einzugehen. Der große Vorteil von DVB-T des kostenlosen Fernsehempfangs wird damit abgeschafft. Das kommt den Interessen der Privaten, vorweg RTL und ProSiebenSat1, absolut entgegen. Denn sie wollen bekanntermaßen mit einer Beteiligung an „Transportgebühren“ und Nutzerverträgen ihre Werbeeinahmen und Bilanzen aufbessern. Auf diesem Weg vom Free-TV zum Pay-TV sind RTL und ProSiebenSat1 vom Bundeskartellamt zwar gerade erst bei wettbewerbswidrigen Absprachen bezüglich der Grundverschlüsselung ertappt worden. Sie dürfen im Ergebnis ihre SDTV-Programme nicht mehr grundverschlüsseln. Das betrifft aber den Verbreitungsweg Antenne leider nicht.

Den Zuschauern könnte sich das Fernsehen über hybride Netze letztlich als verschleiertes Zwangsabo darstellen. Dabei dürften die Programmanbieter an den Umsätzen partizipieren. Und die Netzanbieter sehen einem zusätzlichen Geschäft entgegen. Möglicherweise gibts dann den Fernseher als Draufgabe zum Mobilfunkvertrag mit Fernsehoption (aber bestimmt nicht für einen Euro).
Broadcast oder Broadband? Ist LTE eine Alternative? Zwei Studien mit Bezug auf den Hörfunk
lassen einen Trend erkennen, der Rückschlüsse auf die TV-Verbreitung erlaubt. Zum Hintergrund-Artikel.


ProSiebenSat1 entscheidet zugunsten der Antenne bis 2018 / Frequenzen erhalten

Die ProSiebenSat1-Gruppe entschied sich Ende März 2013 zugunsten der Antennenzuschauer. Für die Programme ProSieben, Sat1, Kabel1 und N24 sowie in einigen Regionen für Sixx wurden die Verbreitungsverträge bis 2018 verlängert. Laut begleitender Berichterstattung bewerte die Programmfamilie ihr DVB-T Engangement positiver als RTL. So erreiche ProSieben per Antenne überdurchschnittliche sieben Prozent seiner Zuschauer. Der RTL-Ausstieg „bietet uns die Chance, die Reichweite unserer kleinen Sender auszubauen und wird bei den DVB-T Nutzern unser bereits bestehendes Programmangebot noch mehr in den Fokus stellen“, wurde Konzernvorstand Conrad Albert zitiert.

bald erwies sich, dass diese Strategie für die Spartenkanäle Sixx, Sat1 Gold und ProSieben MAXX (startet am 3. September 2013) keine Spekulation ist: Der Frauenkanal Sixx, zuvor bereits in einigen DVB-T Regionen aktiv, wurde am 1. Juni 2013 in beiden bayerischen DVB-T Gebieten als Ersatz für die ausscheidenden „kleinen“ Privaten aufgeschaltet. In München sendet Sat1 Gold seit dem 1. August 2013 im bis dahin von RTL genutzten Kanel 34, dazu wird Pro7 MAXX ab dem 3. September 2013 kommen. Interessant: Auch Tele 5, das in München 2010 abgeschaltet hatte, stieg am 1. August 2013 in München wieder bei DVB-T ein.

ProSiebenSat1 macht sich längerfristig aber zueigen, was RTL schon vertan sieht: „Jetzt erwarten wir eine tatkräftige Unterstützung aus der Politik, um diesen Übertragungsweg wirtschaftlich tragfähig zu halten“, fordert der Medienkonzern von Bund und Ländern mit Blick auf die Frequenzpolitik und das Interesse an der Grundverschlüsselung für mit DVB-T2 anzupeilende HDTV-Ausstrahlungen.

In einem Statement hat Jürgen Brautmeier (Landesmedienanstalten) diesen Standpunkt unterstrichen. Wichtig für die Weiterentwicklung der Terrestrik sei „dass das dafür erforderliche Frequenzspektrum erhalten bleibe. Dies hänge allerdings von den politischen Rahmenbedingungen ab, die durch die Länder, den Bund und die EU gestaltet würden“, heißt es in einer Presseinformation.

Update April 2013: Steht eine Ausstiegswelle bevor?

Dem Aufatmen nach dem Statement von ProSiebenSat1 folgte wenig später eine neue Negativ-Nachricht: In München beendeten Euronews, Channel21 und Regional Fernsehen Oberbayern (RFO), die sich sich einen Sendeplatz teilten, zum 31. Mai 2013 die DVB-T Verbreitung. Es scheint, als musste RFO bei der Entscheidung der Partagierungspartner Euronews/Channel21 mitziehen, Der Regionalsender nutzte nur eine Stunde am Vorabend für sich und kann einen vollen Sendeplatz weder füllen noch finanzieren. Ähnliches gilt für Nürnberg. Auch da verabschieden sich Euronews/Channel21 am 31. Mai 2013, ebenso wie BibelTV und QVC. In allen Fällen wurden die Verlängerung auslaufender Sendelizenzen nicht beantragt. Der Musiksender Viva gibt 2014 in NRW auf.

Inwieweit der Rückzug dieser „kleinen“ Privatprogramme ein Vorzeichen für spätere Entscheidungen (auch anderer Anbieter) über den (Nicht-) Verbleib in anderen DVB-T Regionen ist, kann nur vermutet werden. Das Duo Euronews/Channel21 ist noch in Hamburg und Berlin, Channel21 auch in der Rhein-Main-Region auf Sendung. Der Wiedereinstieg von Tele5 in München könnte das Signal für eine gegenläufige Tendenz sein.

Zu denken gibt allerdings, dass sich die Medienanstalt BLM im Heimatland des Lokalfunks Bayern im April 2014 dazu veranlasst sah, die Sendelizenz für FrankenTV von der DVB-T Verbreitung zu entkoppeln. Damit kann der regionale Veranstalter die teure Antennenausstrahlung aufgeben.

Fazit

ProSiebenSat hat der Politik und den Reguliern eine Gnadenfrist eingeräumt. Bis 2017 müssen die Voraussetzungen für den langfristigen Erhalt der Terrestrik geschaffen werden. Das macht sicher nur mit DVB-T2 einen Sinn - auch wenn dann für HDTV-Programme via Antenne dann mit Sicherheit zusätzliche Kosten (á la Viseo+ oder SimpliTV für Österreich) fällig werden.

Wenn das so kommt, wird sich RTL bei der Vergabe der Ressourcen (zumindest in Bayern) wohl hinten anstellen müssen. Mit der Lizenzverlängerung bis Ende 2019 für NRW hat sich die Kölner TV-Gruppe aber - trotz der noch ausstehenden endgültigen Entscheidung über ihr DVB-T Engagement - zumindest eine Tür offen gehalten.

Links zum Thema:
RTL-Verbleib noch nicht entschieden (14.4.2014).
NRW-Lizenz für RTL und P7S1 bis Ende 2019 verlängert (12.4.2014).
Bayern-Lizenzen für Private bis Ende 2015 verlängert (11.4.2014).
München-Lizenz für Sat1 Gold (25.7.2013) und Tele 5 und Pro7 MAXX (30.7.2013).
Lizenzantrag für Bayern von Sat1 Gold (vom 3.7.2013).
Veranstaltung und Studien der MABB zu DVB-T / DVB-T2 (vom 19.6.2013).
Sendelizenz für Sixx in Bayern (vom 2.5.2013).
Läutet Bayern eine Ausstiegswelle ein? (vom 15.4.2013).
ProSiebenSat1 bleibt bis 2018 in der Luft, Statement der DLM (vom 2.4.2013).
RTL-Ausstieg (7) - Statement der LPR vom 19.2.2013.
Statement von Prof. Reimers vom 11.2.2013 und Folien seines Vortrages vom 17. Januar 2013.
RTL-Ausstieg (6) - Statement der MABB vom 1.2.2013.
RTL-Ausstieg (5) - Statement der Staatskanzlei Hessen vom 23.1.2013.
RTL-Ausstieg (4) - Statement der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz vom 21.1.2013.
RTL-Ausstieg (3) - Statement der DLM, ProSiebenSat1 vom 17.1.2013.
RTL-Ausstieg (2) - Verbraucherzentrale NRW und Stand bei ProSiebenSat1 vom 17.1.2013.
RTL-Ausstieg (1) - RTL-Ausstieg vom 17.1.2013.
Hintergrund-Beiträge zu DVB-T und Privatsender, Viseo+ und Grundverschlüsselung über DVB-T.

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