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Zwischenbilanz: Unterwegs-TV statt Überallfernsehen?

Porträtfoto Mit dem Start von DVB-T in Bayern ging Ende Mai 2005 die erste Phase der Antennen-Digitalisierung in Deutschland zu Ende. Jetzt sind mehr als 50 Prozent der Deutschen mit DVB-T Programmen versorgt. Wie geht es nun weiter mit DVB-T? Geht es überhaupt weiter?

Dass die Einführung des digitalen Antennenfernsehens DVB-T allenthalben als Erfolg bewertet wird, scheint auf der Hand zu liegen. Die Gerätehersteller haben über ihre Erwartungen hinaus Geräte verkauft. Die Technik hat zur Freude der Netzbetreiber bis auf Kleinigkeiten gut funktioniert. Die Programmanbieter bringen mehr Programme in die Ballungsgebiete. Regulierer, Landesmedienanstalten und Politiker können - mit den weltweit ersten (und immer noch einmaligen) regionalen Abschaltungen der analogen Technik - eine Innovationsführerschaft beanspruchen.

Die Technik für das digitale Fernsehen ist entscheidend von Unternehmen und Forschungsinstitutionen in Deutschland mit entwickelt worden. Nach England ist Deutschland das zweite Land, in dem DVB-T in großem Maße eingeführt wird. Das ist Teil der in der „Initiative Digitaler Rundfunk“ (IDR) zusammen gefaßten und bis 2010 geplanten Digitalisierungsstrategie für das Fernsehen, 1998 beschlossen von der Bundesregierung unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls (CDU). Den Landesmedienanstalten kann bescheinigt werden, dass sie - zumindest für DVB-T und die Ballungsgebiete - die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die privaten Veranstalter, die Geräteindustrie und andere trotz der zum Teil gegensätzlichen Interessen auf eine gemeinsame Strategie einschwören konnten.

Hinterm Horizont geht's weiter - aber ohne Private

Wie sich einmal mehr zeigt, hört allerdings beim Geld die Freundschaft auf. Denn den bundesweit aktiven Privatprogrammen, namentlich denen beiden Fernsehkonzernen ProSiebenSat1 und RTL, ist die Beteiligung in den noch nicht versorgten Regionen zu teuer. Dieses Argument ist nachvollziehbar und verständlich.

Um die „weißen Flecken“ auf der deutschen DVB-T Landkarte, beispielsweise zwischen Niedersachsen und NRW, zwischen Brandenburg und Norddeutschland, zu beseitigen und letztlich eine flächendeckende digitale TV-Versorgung per Antenne zu ermöglichen, müssten Millionenbeträge auf Dauer in den Sendebetrieb investiert werden. Allein für Mitteldeutschland soll das nach offiziellen Angaben 1,66 Millionen Euro pro Kanal (4 Programme) und Jahr kosten. Das macht für jeden der etwa 42.000 Antennen-Haushalte um 40 Euro.

Laut dem 14. KEF-Bericht, der Grundlage für die Ermittlung der GEZ-Gebühr, kalkuliert allein das ZDF für sein Hauptprogramm mehr als 90 Millionen Euro pro Jahr für die analoge terrestrische Verbreitung. Das macht die finanzielle Dimension der flächendeckenden Antennenversorgung deutlich. Denn der Sendebetrieb ist in der Fläche deutlich teurer als in den Ballungsgebieten - analog wie digital. Beim Bezahlen sitzen ARD und ZDF (also die Gebührenzahler) in der allerersten Millionenreihe.

Durch den flächendeckenden Ausbau mit DVB-T würden zwar mehr als 40 Prozent der TV-Haushalte zusätzlich versorgt werden. Jedoch sind nach meiner Schätzung allenfalls noch 500.000 über ganz Deutschland verteilte Haushalte auf die Antenne angewiesen (Stand: Ende 2003). Sie bekämen zwar immerhin drei digitale öffentlich-rechtliche Bouquets statt dreier analoger Programme ins Haus. Doch ohne die acht privaten Unterhaltungs- und Nachrichtenprogramme ist die neue Technik wenig attraktiv. Eine Abwanderung weiterer Antennenhaushalte zu Satellit oder Kabel wäre die natürliche Folge. DVB-T wäre damit eine Investitionsruine.

Auch ARD und ZDF sind nicht mehr auf die Antenne verpflichtet

Von einer flächendeckenden Versorgung ganz Deutschlands mit DVB-T war selbst bei den vehementen Befürwortern von DVB-T nie die Rede. Alle wissen um das schlechte Kosten/Nutzen-Verhältnis. Dass sich deshalb das Engagement der Privaten in Grenzen halten würde, war von Anfang an bekannt. Das wurde allerdings nicht an die große Glocke gehängt.

Nun sind auch ARD und ZDF nicht mehr zur bedingungslosen Investition in die digitale Antennenverbreitung ihrer Programme verpflichtet, die man (samt digitalen Spartensendern) ja auch per Kabel oder Satellit empfangen kann. Der RBB hat bereits angekündigt, die analoge Antennenverbreitung in Rest-Brandenburg 2006 zu beenden, um bis Ende 2008 8 Millionen Euro einzusparen.

Den von einem möglichen Ausstieg aus der Antennen-Verbreitung betroffenen Haushalten könnte man übrigens aus den gesparten Betriebskosten den Ersatz für die Antenne mit einer Finanzspritze erleichtern. Zumindest die Kabelnetzbetreiber, vehemente Feinde jeglicher öffentlichen Bezuschussung von DVB-T, würden solche Morgengaben gerne in ihre Kassen umleiten wollen.

Digitalisierungsziel „Mobilität“ aufgreifen

Die Einführung von DVB-T in Deutschland war, daran ist auch zu erinnern, stets mit dem Ziel der mobilen Versorgung verbunden. Das Fernsehen in guter Empfangsqualität ausserhalb der vier Wände - ob in Bus oder Bahn und auf dem Dampfer wie im Fond des PKW - ist eine wirkliche Innovation und stößt auf einiges Interesse. Dafür muss das digitale Antennenfernsehen konsequent und bundesweit ausgebaut werden. Das ist eine sinnvolle Investition in die Kommunikationszukunft, wenn auch eine um fast jeden Preis.

Der derzeitige inselweise Ausbau von DVB-T verlangt allerdings aufwendige Empfangsgeräte mit digitalen und analogen Tunern, zwischen denen umgeschaltet werden muss, wenn in einen neuen Empfangsbereich eingefahren wird. Aber man ist ja nicht unbedingt auf DVB-T angewiesen, eine Technik, die auf die Nutzung mit Bildschirmen im Heim-Format ausgerichtet ist. Eine gute Alternative ist DVB-H, ausgerichtet auf stromsparenden Empfang mit akkugespeisten Geräten wie Notebooks, PDAs oder Mobiltelefonen. Mit dieser Unterwegs-Variante von DVB-T kann eine große Zahl von Fernseh- und Hörfunkprogramme ebenso wie Mobildienste verbreitet werden. Sie nutzen, wenn nötig, den überall verfügbaren Mobilfunk als Rückkanal.

Warum nicht aus der flächendeckenden Not eine mobile Tugend machen?

Ins Unterwegsfernsehen DVB-H statt ins Überallfernsehen DVB-T investieren

Denkbar wären ein oder zwei nationale Abdeckungen für Fernsehen, Radio und Datendienste mit DVB-H. Die Notwendigkeit, unterschiedliche Frequenzen zu verwenden, gestattet auch die Berücksichtigung regionaler Angebote. Die Kosten für den einzelnen Anbieter sinken dabei im Vergleich mit einem DVB-T-Kanal mit vier Programmen erheblich. Denn in einem DVB-H-Bouqet lassen sich bis zu 40 TV-Programme unterbringen. Finden sich weniger TV-Interessenten (womit zu rechnen ist), können Hörfunk und Interaktivdienste bei der Vergabe der Programmplätze berücksichtigt werden. DVB-H könnte für die bundesweiten privaten TV-Anbieter eine interessante Kosten-Nutzen-Relation erreichen.

Der Markt erschließt sich durch die Grundfunktionen Radio und Fernsehen. Für kostenpflichtige Angebote und Interaktiv-Dienste sind Erweiterungsoptionen möglich, zu denen auch der Mobilfunk als Rückkanal zählen kann. Hilfreich für den portablen und mobilen Betrieb sind die Stromsparfunktionen von DVB-H. Notwendig wäre die Entwicklung von Empfangsgeräten mit Diversity, die für den Einsatz bei hohen Geschwindigkeiten ausgelegt sind.

Eine Strategie „DVB-H statt DVB-T“ käme dem Wunsch der Zuschauer, die GEZ-Gebühren in Grenzen zu halten, entgegen. Der Sparauftrag für die Öffentlich-rechtlichen wird, wenn für eine attraktive Mobilitätstechnik in der Fläche entschieden wird, wirtschaftlich und technisch machbar. Eine Entscheidung für den flächendeckenden Ausbau mit DVB-H würde innovative Technik, digitales und interaktives Fernsehen, Radio und Dienste, kosteneffizient zu den mobilen Nutzern bringen.

Dann wird aus dem „In-allen-Ballungsräumen-Fernsehen“ wirklich ein „Überall-Fernsehen“.

Berlin, Ende Mai 2005



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